Ratgeber

DENN DEINE GÜTE REICHT, SO WEIT DER HIMMEL IST,
UND DEINE WAHRHEIT SO WEIT DIE WOLKEN GEHEN. Psalm 57,11 

Wir haben lange Zeit gebraucht, um zu realisieren, wie brüchig das Alltagsgerüst unseres Vaters geworden war und dass wir jetzt an der Reihe sind, für ihn Verantwortung zu übernehmen. Jahrelang war das selbständige Leben des Vaters nach dem Tod der Mutter intakt und voller eigener Pläne, Reisen und Kontakte zu Familie und Freunden. Und plötzlich… Nein, natürlich nicht. Hatten wir Anzeichen für eine beginnende Demenz übersehen? Durfte ein Mensch jenseits der 80 nicht auch einmal etwas vergessen? Unser Vater, der Telefonnummern, Anschriften, Termine und natürlich ebenso Passwörter und Geheimzahlen im Kopf hatte, schien uns dagegen gefeit. Wären da nicht diese phrasenhaften Wendungen gewesen, welche jedem Telefongespräch etwas Starres gaben oder die verminderte Fähigkeit des Zuhörens… Bei nun häufigeren und regelmäßigen Besuchen erwartete uns sehnsüchtig ein angespannter und leicht aufbrausender Vater, der einen genauen Plan für die Zeit des Besuchs hatte und diesen auch „abarbeitete“. Ich glaube, er hatte längst gespürt, wie viel ihm entglitt. Dafür hielt er an anderen Stellen umso mehr fest. Nichts durfte verändert werden, dabei lagen z.B. wichtige Dokumente und genutzte Alltagsgegenstände nebeneinander auf seinem Tisch, griffbereit. „Das brauche ich unbedingt hier!“, hörte ich oft. Besuche wurden – wahrscheinlich für beide Seiten – anstrengend. Die Kluft zwischen Normalität und seiner Lebensrealität wuchs und ließ sich immer weniger überbrücken. Ähnliches kennen viele Menschen. Auch Ehepartner berichten von einem schleichenden Beginn mit unscheinbaren Verwechslungen oder dem Suchen nach Gegenständen, die sich dann an sehr ungewöhnlichen Orten wiederfinden. Später fehlt die Orientierung; vertraute Wege werden fremd oder Wochentage, Monate und Jahre verlieren an Bedeutung sowie die Namen und das Erkennen von weniger häufig präsenten Menschen gelingt nicht mehr. Alltagstätigkeiten gehen schief und die mentale Abwesenheit wird immer deutlicher. Der gesündere Partner – manchmal bräuchte auch er Unterstützung – gleicht diese Defizite so gut er kann aus. Dabei muss er auch manchen eigenwilligen Konflikt aushalten. Die Hoffnung auf das gemeinsame Altwerden als eingespieltes Paar mit gegenseitigem Verständnis für die Stärken und Schwächen des anderen, mit Sehnsucht nach Nähe, Vertrautheit und Zärtlichkeit, zerbricht. Das Leben mit einem Ehepartner oder Elternteil mit Demenz ist keine Seltenheit. Oft ist die Situation schambesetzt. Was bedeutet es aus der Sicht eines Gesunden, wenn ein vertrauter Mensch, dessen starke Seiten man gut kennt, sein Leben nicht mehr selbst regeln kann und auf viel Geduld und Unterstützung angewiesen ist? Es ist auf jeden Fall eine Situation, die man als Angehöriger nicht einfach „aussitzen“ kann und die einem manches - oft mehr als einem lieb ist - abverlangt, um Schaden zu verhindern und einen lebbaren Alltag zu organisieren. Hier stellen sich viele Fragen und es ist gut, sich Unterstützung und Hilfe zu suchen (siehe unten). Altern ist ein hochunteressanter Vorgang Der österreichische Autor Arno Geiger schreibt in seinem Buch „Der alte König in seinem Exil“: „Oft sehe ich in dem armen, seines Verstandes beraubten Menschen den Vater früherer Tage. Wenn die Augen klar blicken und er mich anlächelt, was ja zum Glück sehr oft geschieht, dann weiß ich, dass sich auch für ihn mein Besuch gelohnt hat. Oft ist es, als wisse er nichts und verstehe alles.“ Wichtig zu wissen ist es, dass es für den Demenzkranken keine Frage des Willens ist, sich „normal“ zu verhalten, sondern eine Frage des „Nicht-Könnens“! Der oder die Betreffende verliert irreversibel mehr und mehr von den einstigen geistigen und sozialen Kompetenzen. Doch bei allem, was bei einem Demenzkranken nicht mehr funktioniert, die innere Gefühlsebene und weit zurückliegende Körpererinnerungen bleiben erhalten.     Constanze Wolf

Wo bekomme ich Unterstützung?
Gespräch mit dem Seelsorger: 0173-184 5527 oder
Anruf bei der Telefonseelsorge: 0800-1110111
Austausch mit anderen Betroffenen…. oder Anregungen bei Ratgebern:
https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/gesundheit-pflege/pflege-zu-hause/tipps-fuer-angehoerige-von-menschen-mit-demenz-6986
https://www.wegweiser-demenz.de
https://www.pflegen-und-leben.de/ seelische-belastungen/ herausforderungen-im-pflegealltag/ demenz.html